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Ursprung des Vogels Hoatzin: Auf Treibgut über den Atlantik
Ein Team aus deutschen, brasilianischen und französischen Wissenschaftlern, darunter ein Ornithologe des Senckenberg- Forschungsinstitutes Frankfurt, hat fossile Verwandte des südamerikanischen Hoatzins (Opisthocomus hoazin) untersucht, die auf einen afrikanischen Ursprung des rätselhaften Vogels hinweisen. Die zugehörige Studie ist jetzt im Fachjournal „Naturwissenschaften“ erschienen.
Der Hoatzin ist ein schräger Vogel:
Nur schlecht flugfähig, die Jungvögel
mit krallenbewehrten Flügeln ausgestattet,
lebt er in der Ufervegetation der
Amazonas- und Orinokobecken in Südamerika.
Besonders ungewöhnlich für
einen Vogel ist seine rein vegetarische
Ernährungsweise. Die Verdauung findet
nicht nur im Magen, sondern vor allem in
einem enorm vergrößerten Kropf statt, in
dem sich Bakterien an der Zersetzung der
Nahrung beteiligen. Das Verdauungssystem
des Hoatzins erinnert so stark an das
eines wiederkäuenden Säugetiers.
Aber nicht nur die Anatomie des Vogels
ist ungewöhnlich, auch seine Verwandtschaft
ist bisher ungeklärt. Seit seiner
wissenschaftlichen Beschreibung im Jahre
1776 wurde der Hoatzin wechselweise
in die Nähe von Hühnervögeln, Kuckucken
oder den afrikanischen Turakos gestellt.
Eine Verwandtschaft zu diesen
Gruppen konnte aber bisher nicht überzeugend
begründet werden. Deshalb
wird der Vogel meist einer eigenen Familie
und Ordnung zugeordnet. Der evolutionäre
Ursprung der Hoatzine war bislang
unbekannt, und außer einigen sehr
fragmentarischen Resten gab es keine
Fossilreste.
Ein Team aus deutschen, brasilianischen,
und französischen Forschern, darunter
der Ornithologe Gerald Mayr vom
Senckenberg Forschungsinstitut, hat nun
nicht nur den frühesten bekannten Fossilfund
der rätselhaften Vogelgruppe beschrieben,
sondern auch den ersten Nachweis
außerhalb Südamerikas erbracht.
Etwa 23 Millionen Jahre alte Oberarmund
Schultergürtelknochen von einer
Fundstelle in Südostbrasilien, die im Museu
de História Natural de Taubaté in
Brasilien aufbewahrt werden, stellen den
ältesten Fossilfund eines Hoatzins dar.
Die große Ähnlichkeit zwischen den Fossilien
und den entsprechenden Knochen
des heutigen Hoatzins legen nahe, dass
die Vögel bereits sehr früh ihre ungewöhnliche
Nahrungsbiologie entwickelten.
Neben den brasilianischen Funden untersuchten
die Forscher auch 17 Millionen
Jahre alte Knochen aus Namibia,
welche überraschende Erkenntnisse zur
früheren geographischen Verbreitung der
Hoatzine offenbarten. Die vor wenigen
Jahren als Namibiavis senutae beschriebenen
afrikanischen Fossilfunde wurden
bisher einer ausgestorbenen Familie der
Kranichvögel zugeordnet. „Diese Zuordnung
kann allerdings nicht aufrechterhalten
werden, denn die Funde weisen
charakteristische Knochenmerkmale von
Hoatzinen auf“, erläutert Gerald Mayr.
Wenn sich auf verschiedenen Kontinenten
verwandte Tiergruppen finden,
lässt sich das grundsätzlich mit zwei Mechanismen
erklären: Die Kontinente standen
zu früheren Zeiten über eine Landverbindung
in Kontakt, oder die Ausbreitung
fand direkt über das Wasser hinweg
statt.
Afrika und Südamerika waren zwar
Teil eines ehemaligen Superkontinentes
namens Gondwana, aber dieser war vor
20 Millionen Jahren schon lange auseinandergebrochen
und die beiden Kontinente
durch den Atlantik getrennt. Hoatzine
mussten also irgendwann den offenen
Ozean überqueren, um von einem
Kontinent zum anderen zu gelangen.
Aber wie überquert ein Vogel, der nur
ein äußerst schlechter Langstreckenflieger
ist, ein über 1.000 Kilometer breites
Meer? Selbst wenn die Flugfähigkeit des
Hoatzin-Vorfahren besser gewesen wäre,
ist es höchst unwahrscheinlich, dass er
diese Entfernung im Flug bewältigen
konnte.
Gerald Mayr und seine Kollegen aus
Brasilien und Frankreich haben hierfür
eine für Vögel eher unerwartete Erklärung:
„Wir nehmen an, dass der Vogel
den Atlantik auf einer schwimmenden
Treibgutinsel überquert hat.“ Von einigen
Primaten, Nagetieren und Eidechsen ist
diese Reisevariante auf Treibgut aus
Pflanzenmaterial bereits bekannt, für Vögel
wäre es der erste Nachweis.
Aufgrund der känozoischen Meeresströmungen
und Windrichtungen war
eine Reise über den Atlantik nur in westliche
Richtung wahrscheinlich. Die Wissenschaftler
nehmen daher an, dass der
„rätselhafteste Vogel Südamerikas“ seinen
Ursprung außerhalb Südamerikas
hatte und von Afrika dorthin gelangte.
Publikation: Out of Africa: Fossils shed light on
the origin of the Hoatzin, an iconic Neotropic bird,
Naturwissenschaften, DOI: 10.1007/s00114-011-
0849-1

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